BERLINER LIEDFLUGSCHRIFTEN
Bearbeitet von Eberhard Nehlsen

Die Liedflugschriften der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz.
Katalog der bis 1650 erschienenen Drucke. Bearbeitet von Eberhard Nehlsen, herausgegeben von Gerd-Josef Bötte, Annette Wehmeyer und Andreas Wittenberg.
3 Bde, Leinen. Euro 404,--
ISBN 978-3-87320-715-8
Bibliotheca bibliographica Aureliana 215-217

Band I: Katalog 1. Signaturengruppen Hymn. 3 –
  Yd 9994. xxviii, 520 Seiten, 78 Abbildungen.
  2008.
Band II: Katalog 2. Signaturengruppen Ye 1 –
  Slg. Wernigerode Hb 4380. 392 Seiten,
  61 Abbildungen. 2008.
Band III: Register, Bibliographie, Addenda et
  Corrigenda. 322 Seiten. 2009.

Weitere Addenda & Corrigenda
(Stand Oktober 2020) finden Sie hier
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Flugblätter und Flugschriften können wohl zu Recht als die ersten Massenmedien der Neuzeit bezeichnet werden. Spätestens seit Beginn des Buchdrucks erwiesen sie sich als günstig zu produzierende und bei Gelegenheiten wie Jahrmärkten oder Messen auch leicht zu vertreibende Publikationsformen. Ähnlich den heutigen Boulevardzeitungen zielten auch derartige Drucke vielfach auf thematische Bereiche aus der Welt des Wundersamen, Abartigen, Blutrünstigen oder Kriegerischen ab. Illustrationen verliehen zusätzlichen Reiz, wie etwa reich bebilderte Blätter über körperliche Missbildungen oder ausführliche Beschreibungen von Schlachten während des Dreißigjährigen Krieges. (Vgl. hierzu beispielsweise Manfred Vischer: Zürcher Einblattdrucke des 16. Jahrhunderts. – Bibliotheca bibliographica Aureliana 185)
Einen besonders für die Musik- und Literaturwissenschaft bedeutenden Teil dieser Druckwerke bilden die Liedflugschriften, die vor allem im 16. Jahrhundert in großer Zahl im deutschsprachigen Raum produziert wurden. Im Unterschied zu den Flugblättern handelt es sich hier um Mehrblattdrucke, die zumeist mehrere Lieder beinhalten. Auch hier spiegelt das Themenspektrum die zeitgenössische Lebenswirklichkeit in vielen Bereichen wieder: neben zahlreichen religiösen und moralisch-mahnenden Liedern finden sich Texte über das politische Geschehen, Gewalttaten, Szenen aus dem Alltags- und Handelsleben ebenso wie Texte über historische Ereignisse und Ritter- und Heldenerzählungen.
Die mit gut 4.000 Exemplaren weltweit größte Sammlung derartiger Liederhandschriften befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz. Ein Teil davon ist nun erstmals von einem ausgewiesenen Experten, Eberhard Nehlsen, in einem dreibändigen Katalog erfasst worden. Das Auswahlkriterium bildete einerseits ein zeitlicher Rahmen, von 1500 bis 1650, und andererseits der Umfang der Drucke: als Liedflugschrift bezeichnet Nehlsen Exemplare von mindestens zwei bis höchstens 16 Blättern. Insgesamt verfügt die Staatsbibliothek über 2.298 Drucke, die diesen Auswahlkriterien entsprechen, wobei es sich zum größten Teil um Vierblattdrucke aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts handelt.
Die Liedflugschriften verfügen nur in den seltensten Fällen über Notenbeispiele. Diese hätten die Produktionskosten überproportional in die Höhe getrieben; folglich enthält auch der Berliner Bestand nur 69 Drucke mit Noten. Der überwiegende Teil beschränkt sich auf den Text, den Hinweis auf die Melodie (»Drei neue Lieder im Ton von...«) und eine Illustration, die im Vergleich zu den Flugblättern jedoch deutlich kleiner und nüchterner ausfällt.
Mit dem vorliegenden Katalog des Bestandes der Staatsbibliothek zu Berlin wird die weltweit größte Sammlung deutschsprachiger Liedflugschriften der Öffentlichkeit präsentiert und für die Forschung erschlossen. Außer den hier dokumentierten 2.298 Drucken bis 1650 besitzt die Bibliothek auch aus späterer Zeit außerordentlich reichhaltige Bestände. Den Grundstock der Sammlung lieferte die berühmte Bibliothek des Freiherrn Karl Hartwig Gregor von Meusebach (1781-1847), die die Bibliothek mit Hilfe des preußischen Königs 1850 kaufte.
Liedflugschriften hatten es als Gebrauchsliteratur schwer die Jahrhunderte zu überdauern und sind deswegen heute nur noch in ganz wenigen Exemplaren vorhanden. Der vorliegende Katalog verzeichnet neben den Exemplaren der SB Berlin auch die dem Autor und der Bibliothek bekannt gewordenen Exemplare anderer Bibliotheken und Archive (s. das Verzeichnis der Institutionen S. XXV ff.). Daraus läßt sich ersehen, dass etwa 80% der Drucke nur in Berlin nachweisbar sind (1.802 Drucke sind Unica, weitere 23 Drucke sind in Berlin doppelt, aber sonst in keiner weiteren Bibliothek vorhanden).
 

» kauffs vnd ließ es wirt dir gefallen «
(N° 1613. Ye 2636)

»Eine stupende Leistung selten gewordener Wissenschaftlichkeit, die der Anschlussforschung viele Möglichkeiten eröffnet!«
(Klaus Haberkamm in den Simpliciana XXX, 2008)

»Die Berliner Sammlung ist nicht nur die größte ihrer Art, sondern wohl auch die bedeutendste: etwa 80% der Drucke sind Einzelstücke. Solcherart reicht die Bedeutung des Kataloges über die eines bloßen Verzeichnisses hinaus und kommt schon eher einer Dokumentation populärer Musikformen der frühen Neuzeit nahe. Eberhard Nehlsen legt damit aber nicht nur der Musikwissenschaft, sondern auch der Literatur- und Religionswissenschaft ein hoch potentes Werkzeug zur Erforschung einer bisher weitgehend vernachlässigten literarisch-musikalischen Form in die Hände.«
(Michael Staudinger in den Mitteilungen des VÖB 61, 2008)

»Dem Bearbeiter ist für akribische Recherchen insbesondere zu den Drucken zu danken, bei denen Hinweise auf den Druckort, den Drucker oder auf das Erscheinungsjahr fehlen. Schätzenswert sind die Nachweise weiterer Exemplare in anderen Bibliotheken und von Editionen. Der auch in seiner Aufmachung qualitätvolle, mit zahlreichen Titelabb. versehene Katalog stellt der Liedforschung eine einmalige Fundgrube zur Verfügung.«
(Johannes Janota in Germanistik Bd 49 (2008) Heft 1-2.)

»Dem Bearbeiter ist für seine überaus sorgfältige Titelaufnahme und die akribischen Recherchen zu Druckorten, Druckern und Druckjahren zu danken, den Verantwortlichen des Projekts für die Erschließung dieser kulturgeschichtlich bedeutsamen, in der Forschung bisher wenig bearbeiteten Zeugnisse einer vergangenen Alltagskultur, die, worauf die Herausgeber mit Recht hinweisen, das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Lebenserfahrung spiegeln. Ein eigener Registerband mit allen nur notwendigen und wünschbaren Registern erschließt den Berliner Bestand, der auch deshalb von Bedeutung ist, weil er zu 80 Prozent aus Unikaten besteht, die nun der Forschung sehr viel leichter zugänglich zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt ist auch auf die verlegerische Leistung hinzuweisen: es ist eine Freude, den sorgfältig gestalteten Band mit seinen schönen Abbildungen zu durchblättern.«
(Holger Böning im Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 11/2009)

»Der Gewinn an Informationen lässt sich nach erster sporadischer Kenntnisnahme kaum ermessen. [...] Insbesondere für die Mikrohistorie wird hier eine Fülle von unerschlossenem Material bereitgestellt, das man künftig in einschlägigen Unternehmungen nicht unbeachtet lassen darf. [...] Mit dem Katalog der Berliner Liedflugschriften hat die Forschung ein Instrument in die Hand bekommen, dessen Bedeutung man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Denn die Bände erschließen Quellen, die dem Zeitalter ein anderes Gesicht verleihen. Erfolgreiche Lieder sind nun einmal prägender für die Zeitgenossen als unveröffentlichte Traktate bedeutender Autoren, die irgendwann nach deren Tod das Licht der Welt erblicken. Die Publikation des Katalogs ist eine Großtat — möge über dem kommenden Opus magnum ein günstiges Geschick walten.«
(Johannes Schilling in der Theologischen Literaturzeitung 138 (2013) Heft 9.)

Siehe auch:
Eberhard Nehlsen: Zürcher LiedflugschriftenKatalog der bis 1650 erschienenen Drucke in der Zentralbibliothek Zürich. Redaktion: Christian Scheidegger. 2021. 520 Seiten, 119 Abbildungen. Leinen. ISBN 978-3-87320-756-1 € 148,--
Bibliotheca bibliographica Aureliana 256
sowie:
Rolf Wilh. Brednich:
Die Liedpublizistik im Flugblatt des 15. bis 17. Jahrhunderts
I: Abhandlung.
II : Katalog der Liedflugblätter des 15. und 16. Jahrhunderts.
2 Bände. 1974 / 1975. 336 & 298 Seiten, 146 Abbildungen. Euro 148,-- ISBN 978-3-87320-055-5
Bibliotheca bibliographica Aureliana 55/60: