SAECVLA SPIRIRALIA   43 / 44

Michael CURSCHMANN: Wort — Bild — Text.
Studien zur Medialität des Literarischen in Hochmittelalter und früher Neuzeit. 2 Bände. 2007. IV, 988 Seiten, 224 Abbildungen.

Gegenstand der hier gebündelten Texte ist die Beziehung von Wortkunst und Bildkunst in ihrer Rolle als gemeinsame Träger literarischer Inhalte in einer vielfach und vielfältig von mündlicher Verständigung bestimmten Umwelt. Neben den in der lateinischen Schriftkultur entwickelten Rahmenbedingungen und Vorbildern ist mehr und mehr der Umgang der volkssprachigen Laiengesellschaft mit den Möglichkeiten visueller Vergegenwärtigung ihrer literarischen Gegenstände bedacht. Die Beispiele reichen von der Bauplastik des 12. bis zum Einblattdruck des 16. Jahrhunderts und bieten ein breites Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen, in denen sich die Eigengesetzlichkeit der Medien im Zusammenspiel neu verwirklicht. So mag das primär für den deutschsprachigen Raum und vornehmlich implizit entwickelte Paradigma zugleich den allgemeinen kulturgeschichtlichen Prozess illustrieren, in dem der gehobene Laienstand sich eigene Räume repräsentativer Kunstübung, gesellschaftlichen Umgangs und kultureller Gedächtnisbildung erobert — ein Prozess, der weit in die Frühmoderne hineinreicht.
Ein aufwendiges, zweisprachiges Register erschliesst die Texte der beiden Bände. Das neunzigseitige Register ist aufgeteilt in I: Historische Namen, Orte, Sachen und Begriffe; II: Quellen A) Autoren, Werke, Kompilationen und literarische Stoffkreise; B) Kunstwerke nach Standort oder Künstler; C) Handschriften; D) Drucke, nach Druckern geordnet; III: Inkonographie, Bildgestaltung; IV Forschung.

»Perhaps the most arresting programmatic statement of method — one of many — in this collection of Michael Curschmann's remarkable studies on the place of the image and, more generally, the visual in the process of vernacularization in medieval German culture of the High and later Middle Ages comes at the very end of the essay "Imagined Exegesis", first published in 1990: "The dynamics of the medieval book — that is what we study." [...]
An additional strength of Curschmann's scholarship is the rigor with which, even while championing the growing independence of the vernacular and profane imagery, he constantly keeps an eye on the Latinate and still normative culture of contemporary monks, clerics and theologians. This is another way in which the picture he presents of medieval literary and artistic culture remains through and through a dynamic one. In short, Curschmann's interest is not just in the book (text and image together) as witness to a given cultural trend, but, far more interestingly, in what he calls "Die Rolle des Bildes — in der Idee wie in der Wirklichkeit — in diesem Prozess der Literarisierung, in der Ausgliederung der kontinentaleuropäischen Volkssprachen als Literatursprachen". This is a subject of commanding interest for all medievalists and early modernists, whatever their area of specialization. [...]
Michael Curschmann has enormously enriched — and complicated — the way in which we read medieval texts and images. His essays are required reading, and these volumes will make it easier to appreciate the programmatic nature of this extraordinary contribution to our understanding of medieval culture.«

Jeffrey Hamburger in ZfdPh. 127. Band 2008, drittes Heft.

»Der Princetoner germanistische Mediävist Michael Curschmann hat auf dem Forschungsfeld, das sich mit dem Verhältnis von mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Wort- und Bildkunst beschäftigt, in den vergangenen Jahrzehnten wegweisende Studien vorgelegt. Es ging (und geht) ihm dabei grundsätzlich um die Beschreibung der Rolle von bildender Kunst und Literatur »als gemeinsame Träger literarischer Inhalte in einer vielfach und vielfältig von mündlicher Verständigung bestimmten Umwelt.« (S. ix) Das Interesse Curschmanns gilt dabei am 'Faszinationsbereich' Text und Bild — vor allem, aber nicht ausschließlich im Blick auf das deutsche Sprachgebiet — jenem übergeordneten »allgemeinen kulturgeschichtlichen Prozess, in dem der gehobene Laienstand sich seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts eigene Räume repräsentativer Kunstübung, gesellschaftlichen Umgangs und kultureller Gedächtnisbildung erobert« (S. ix).
Nun legt Curschmann mit den hier anzuzeigenden beiden Bänden seine hierher gehörenden Schriften gesammelt im reprographischen Nachdruck vor. Ihren Gegenstandsbereich fasst er in den programmatischen Untertitel »Medialität des Literarischen in Hochmittelalter und früher Neuzeit«. Die Bände vereinigen — auf fast 1000 Seiten — 29 Arbeiten, die Curschmann zwischen 1981 und 2005 veröffentlicht hat. [...]
Was beim (Wieder-)Lesen der vorliegenden Studien, die vielfach den Status von Meilensteinen für die interdisziplinäre mediävistische Forschung zum Gegenstandsbereich einnehmen, vor allem beeindruckt, ist — ganz abgesehen von ihrer thematischen Vielfalt und der Umsicht, mit der Curschmann sich seinen Gegenständen nähert — ihre sprachliche Dichte und gleichzeitig die unprätentiöse, gleichwohl aber präzise Beschreibungssprache.
Dass Curschmanns Schriften zur Medialität des Literarischen in Hochmittelalter und früher Neuzeit nun gesammelt vorliegen, ist zweifelsohne ein Gewinn für alle, die sich aus kunst- oder literaturwissenschaftlicher Perspektive mit dem Forschungsfeld Wort und Bild beschäftigen und seine verstreut publizierten Arbeiten im Zusammenhang lesen und benutzen möchten.«

Norbert Kössinger auf IASLonline [01.12.2008]

siehe auch:
Poesis und Pictura. Studien zum Verhältnis von Text und Bild in Handschriften und alten Drucken. Festschrift für Dieter Wuttke.
sowie:
Petra Schöner:Judenbilder im deutschen Einblattdruck der Renaissance: ein Beitrag zur Imagologie.

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