SAECVLA SPIRIRALIA   50


Alberto MARTINO Die Verwandlungen des Pícaro.
Herausgegeben von Fausto De Michele, Andreas Kurz und Herwig Weber zum 80. Geburtstag ihres Lehrers. Die Rezeption der novela picaresca im deutschen Sprachraum (1555/1562-1753). 2017. 800 Seiten, 1 Abbildung. ISBN 978-3-87320-450-8

Die sehr hohe horizontale und vertikale Mobilität, die die fast planetarische Ausdehnung des spanischen Imperiums und die durch die Einfuhr des amerikanischen Goldes und Silbers verursachte Preisrevolution herbeiführten, bewirkte die progressive Auflösung der traditionellen, solidarischen, sicheren und unveränderlichen ‚geschlossenen' organischen Gemeinschaft und den Übergang zu der modernen, ausschließlich auf finanzielle, wirtschaftliche, ‚unpersönliche' Beziehungen gegründeten frühkapitalistischen ‚offenen' und unsicheren Gesellschaft. Aus diesen radikalen Veränderungen in der Struktur der Gesellschaft und folglich in der subjektiven Wahrnehmung und Vorstellung der sozialen Wirklichkeit, die sich zuerst in Spanien vollzogen und dann später mit verschiedenen zeitlichen Abständen in anderen Ländern eintraten, ging - wie Alberto Martino in seinen umfangreichen, bahnbrechenden Monographien Il Lazarillo de Tormes e la sua ricezione in Europa (1554-1753) und Per una sociologia empirica della letteratura del Siglo de Oro sowie in einigen Aufsätzen der Verwandlungen des Pícaro bewiesen hat - die novela picaresca hervor und mit ihr entstand der moderne europäische Roman. Die Rezeption dieser spanischen literarischen Gattung ist daher für jede Nationalliteratur Europas von großer Bedeutung.
Die Verwandlungen des Pícaro bieten eine gründliche und systematische Darstellung der intensiven Rezeption der pikaresken Texte im deutschen Sprachraum. Diese Aufnahme erfolgte hauptsächlich über Übersetzungen - einige davon in lateinischer Sprache -, Umarbeitungen und Adaptationen (selten aus dem Original, meistens aus zweiter und dritter Hand), Neuschöpfungen und Zusammenfassungen. In geringerem Ausmaß wurden novelas picarescas auch in der kastilischen Sprache und in französischen und italienischen Versionen rezipiert, wie zahlreiche Zeugnisse über den Buchbesitz und die Lektüre von deutschen und österreichischen Leserinnen und Lesern belegen. Trotz der gravierenden Deutungen, Umdeutungen‚ ‚ideologischen' Umfunktionierungen und Verfälschungen sowie der formalen und strukturellen Verunstaltungen, die die novelas picarescas durch ihre Übersetzer und Umarbeiter fast immer erfuhren, konnten ihre wesentlichen narratologischen und thematischen Innovationen (die Form der Ich-Erzählung; die Darstellung der Wirklichkeit, wie sie vom subjektiven Gesichtspunkt der Gestalten aus betrachtet und wahrgenommen wird; die Gestaltung individueller Charaktere, deren psychologische Entwicklung durch das ‚Ambiente' determiniert wird; das Streben der Protagonisten nach sozialem Aufstieg; die Gesellschaftskritik; die Schilderung der konkreten Landschaften, der genau umrissenen historischen Zeiten und der realen kulturellen und gesellschaftlichen Milieus, in denen die Figuren leben und agieren) fruchtbar werden und entscheidende Anregungen zu der Schöpfung von Hauptwerken der deutschen Erzählliteratur wie Niclas Ulenharts History von Jsaac Winckelfelder und Jobst von der Schneid, Johann Michael Moscheroschs Soldatenleben und Grimmelshausens Simplicissimus und Courasche geben.

Inhaltsverzeichnis (pdf durch die Deutsche Nationalbibliothek.)

»Martino breitet vor dem Leser die Rezeptionsgeschichte der pikaresken Erzählungen aus, nicht nur, wie es der Untertitel des Werkes nahelegt, im deutschen Sprachraum, sondern über den Umweg der Übersetzungen aus dem Spanischen in andere Nationalsprachen in großen Teilen Westeuropas. […]
Die in Rede stehenden Werke, ihre Übersetzungen und unterschiedlichen Ausgaben werden vergleichend analysiert, wenn nötig Wort für Wort kollationiert: wie ein Archäologe mit seinem Pinsel trägt er Bearbeitungsschicht um Bearbeitungsschicht ab, um so die Übersetzungsfehler, Interpolationen, Streichungen, Umdeutungen und Ergänzungen aus anderen Quellen kristallklar herauszuarbeiten. Nur die Beantwortung der Frage, welche Ausgabe bzw. Ausgaben dem jeweiligen Text zugrunde liegen, lassen stichhaltige Schlussfolgerungen auf die hinter Übersetzung und Überarbeitung stehenden Intentionen des Überarbeiters zu. Das ist im besten, wirklich vorbildlichen Sinne philologisch, für den Leser aufschlussreich und bis ins Detail nachvollziehbar. […]
So ist dieses Buch nicht nur eine enzyklopädische Gesamtdarstellung der novela picaresca, an der niemand, der sich mit der Entwicklung des Barockromans auseinandersetzt, vorbeikommt, nicht nur, wie die Herausgeber schreiben, der gelungene Schlusspunkt einer akademischen Karriere, sondern ein Werk, an dem philologische Methode exemplarisch studiert werden kann - und werden sollte.«

Petra Schöner in Bibliographie zur Symbolik, Ikonographie und Mythologie 50/2017

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