SAECVLA SPIRIRALIA   47

Kunstgespräche. Zur diskursiven Konstitution von Kunst. Herausgegeben von Joachim KNAPE.
2012. 322 Seiten, 26, teils farbige Abbildungen.

»Was ist Kunst? Seit wann spricht man über Kunst? Wie kann man über Kunst sprechen? Lohnt es sich, über Kunst zu sprechen? Warum entsteht das Prädikat Kunst erst im Kunstgespräch? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich dieses Buch. Es dokumentiert zugleich ein Tübinger Kunstgesprächs-Experiment.«

*

Ist die älteste Darstellung eines Menschen, die »Venus vom Hohle Fels«, auch gleichzeitig das älteste Kunstwerk der Menschheit? Werden, wenn Günther Grass sein Israel-Gedicht als eine Äußerung zur aktuelen Politik verstanden wissen will, die Grenzen der Kunst überschritten? Wann also sprechen wir von Kunst? Was ist Kunst? Und was haben wir mit Kunst zu tun?
Der Tübinger Professor für Allgemeine Rhetorik Joachim Knape hat zahlreiche Spezialisten verschiedener Fachrichtungen in die Alte Anatomie der Universtiät Tübingen geladen, um sich diesen und ähnlichen Fragen diskursiv zu nähern. Die thematische Bandbreite erstreckt sich über Skulptur und Gemälde, über Ballet und Bühnenbild, bis hin zu Literatur und Architektur und lässt keine darstellende, bildende oder literarische Kunst aus. Die aus diesem Gesprächs-Experiment heraus entstandenen »Kunstgespräche« zeigen, dass auch philosophische Kernfragen anschaulich und teilweise sehr amüsant diskutiert werden können. Zugleich zeigt sich, dass Kunst erst im Diskurs konstituiert wird, also keine Kunst ohne sprachlichen Metadiskurs existieren kann.
Das so entstandene lebhafte Porträt der heutigen Kunstlandschaft setzt der Frage, ob es sich denn überhaupt lohnt, über Kunst zu reden, elf spannende Dialoge entgegen, die durch ihre neuen und immer überaschenden Antworten überzeugen.
Der Begriff Kunst ist ein ganz spezieller Differenzbegriff, mit dessen Hilfe man einer bestimmten Selektion von Artefakten und kulturellen Zeugnissen einen ganz bestimmten Wertstatus zuschreibt. Somit ist jeglicher Kunststatus das Ergebnis gesellschaftlicher Diskussionen und Übereinkünfte. Erst im Diskurs wird aus einem unmarktierten Objekt oder Artefakt ein als Kunst markiertes Werk. Für die Auswahl der in den Tübinger Kunstgesprächen besprochenen Objekte bzw. Artefakte kamen nur zwei Kriterien in Betracht: Entweder hatte man dem Objekt des Kunstgesprächs in zurückliegenden gesellschaftlichen Verständigungsprozessen längst das Prädikat »Kunst« im Rahmen einer Kanonisierung zugesprochen. Oder: Der im Kunstgespräch auftretende Experte oder Kunstfreund, der das Artefakt jeweils mitbrachte, sprach das Prädikat »Kunst« selbst aufgrund eines persönlichen Kunsturteils zu. Unter diesen Voraussetzungen ging es dann im Gespräch darum herauszufinden, ob dieses historisch oder persönlich begründete Kunsturteil gute Gründe hat.

Kommt es bei Kunstgesprächen also höchstens zum Austausch subjektiver Empfindungen im Sinne eines Barthes´schen Punctum-Erlebnisses? Erübrigen sich vielleicht sogar Kunstgespräche überhaupt? Keineswegs!
Wenn Kulturen daran gehen, einen Kanon oder gar eine Hierarchie der wertvollsten Artefakte aufzustelllen, sich vielleicht auch nur über Marktwerte von Objekten verständigen wollen, muss diskutiert werden. Joachim Knape tut dies mit Experten ihres Faches. Der Diskussion in der Alten Anatomie der Tübinger Universität stellten sich die folgenden Gesprächspartner:

Klaus ANTONI, Japanologie
Georg BRAUNGART, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Bernd ENGLER, Amerikanistik
Bernhard GREINER, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Heinz HOFMANN, Lateinische Philologie
Annegret JÜRGENS-KIRCHHOFF, Kunstgeschichte
Hans-Georg KEMPER, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Maria MOOG-GRÜNEWALD, Romanistik
Christoph MÜLLER, Verleger, Journalist, Kunstsammler
Lutz RICHTER-BERNBURG, Orient- und Islamwissenschaft
Wolfgang ULLRICH, Kunstwissenschaft und Medientheorie

Vom gleichen Autor:
»Historie« in Mittelalter und Früher Neuzeit. Begriffs- und gattungsgeschichtliche Untersuchungen im interdisziplinären Kontext.
Dichtung, Recht und Freiheit. Studien zu Leben und Werk Sebastian Brants 1457-1521.
Bildrhetorik.
Sowie:
Poesis und Pictura. Studien zum Verhältnis von Text und Bild in Handschriften und alten Drucken. Festschrift für Dieter Wuttke.
ARTIUM CONJUNCTIO. Kulturwissenschaft und Frühneuzeit-Forschung. Aufsätze für Dieter Wuttke.

zurück zur saecvla spiritalia