SAECVLA SPIRIRALIA   42

42 Petra SCHÖNER: Judenbilder im deutschen Einblattdruck der Renaissance: ein Beitrag zur Imagologie. 2002. XIV, 438 Seiten, 83 Abbildungen und Facsimiles.

»Die vorliegende Arbeit versteht sich nicht als Beitrag zur Antisemitismusforschung, sondern versucht, die Gesamtsituation im 15. und 16. Jahrhundert in den Blick zu nehmen und möglichst alle Aspekte aufzuzeigen, die das Judenbild in jener Zeit prägten und es aus seiner Zeit heraus zu verstehen« (S. XIII). Dazu werden 83 Einblattdrucke des 15. und 16. Jahrhunderts unter ikonographischen und literarischen Aspekten genauestens untersucht und eingeordnet in die Gruppen »Darstellung biblischer Gestalten im Einblattdruck«, »Die Überwindung des Judentums durch das Christentum«, »Ritualmord«, »Hosteinfrevel«, »Wunderzeichen und Mißgeburten«, »die Judensau«, »Judenwucher«, »Die Juden als Verderber der Christenheit«, sowie die »Sonderstellung der hebräischen Sprache«.
In einer Zusammenfassung werden Probleme der Überlieferungs- und Forschungslage erörtert sowie die bildliche Darstellung von Juden im Einblattdruck und das Verhältnis von Bild zu Text. Die Verzeichnisse enthalten neben ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen auch ein chronologisches Verzeichnis der untersuchten Einblattdrucke und ein Verzeichnis der Druckorte. In einem Anhang werden alle Texte der untersuchten Drucke zugeordnet, beschrieben und deren Texte transkribiert. Ein Sach- und Personenregister erschließt den Band.

»Im einzelnen werden folgende Themen behandelt: »Biblische Gestalten im Einblattdruck« (u.a. Tugendhafte Vorbilder im Alten Testament, Juden in szenischen Darstellungen der Passion); »Überwindung des Judentums durch das Christentum« (u.a. Ecclesia und Synagoga, Die bedrohte Glaubensburg); "Ritualmord" (u.a. Simon v. Trient); »Hostienfrevel« (u.a. das Beispiel Passau 1498, Hostienfrevelvorwürfe gegen Protestanten!); »Wunderzeichen und Missgeburten«; »Judensau«; »Judenwucher«; »Juden als Verderber der Christenheit«; »Sonderstellung der hebräischen Sprache« (u.a. Hebräische Schriftzeichen als Bildelemente). Die von der Verfasserin zu den genannten Oberthemen zusammengestellte Auswahl umfasst 57 illustrierte Einzelblätter; ein Anhang enthält die Textteile der Blätter nochmals vollständig transkribiert. Zwei Blätter aus dem Bestand der Staatsbibliothek Bamberg - eines zum Ritualmordprozess von Trient 1475 (Kat.-Nr. 33), das andere ein Wittenberger Druck mit Judensau-Motiv (Kat.-Nr. 58; Datierung fehlerhaft, lies: 1596) - werden hier erstmals publiziert.
Zu den wesentlichen Einsichten der Studie zählt zweifellos, dass die Figur des Juden in den Einblattdrucken keineswegs ausschließlich als Objekt der Diffamierung oder Dämonisierung erscheint. So können - wie u.a. zwei Blätter des Augsburger Malers Hans Burgkmaier illustrieren - weibliche wie männliche Gestalten des Alten Testaments durchaus als positive Identifikationsfiguren für ein christliches, stadtbürgerliches Publikum fungieren (53ff). Dies gilt auch vereinzelt für jüdische Figuren des Neuen Testaments, so etwa in Darstellungen des »Urteils des Pilatus« (vgl. Kat. Nr. 21), einem wenig geläufigen Bildtypus, dessen plötzliche Aktualität in den humanistischen Disputen des 16. Jahrhunderts R. Berliner in seinem einschlägigen Aufsatz mit einer Fülle von Belegen aufgezeigt hat (»Das Urteil des Pilatus«, 1934).
Beachtung verdienen die von der Verfasserin immer wieder beobachteten Diskrepanzen zwischen Text- und Bildaussagen einzelner Blätter: »Wo im Text scharf gegen die Juden polemisiert wird [...] bleibt der polemische Gehalt des Bildes weit hinter der im Text gegebenen Verunglimpfung zurück« (295), so etwa in Kat.-Nr. 62, »Die Rechnung Ruprecht Kolpergers«, dem bekannten Holzschnitt des Nürnbergers Hans Meier von 1493 mit einem Text von Hans Folz.«

Norbert Schnitzler in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 11 [15.11.2003]

siehe auch:
Fokus Panofsky. Beiträge zu Leben und Werk von Erwin Panofsky.
ARTIUM CONJUNCTIO. Kulturwissenschaft und Frühneuzeit-Forschung. Aufsätze für Dieter Wuttke.

Sowie:
Poesis und Pictura. Studien zum Verhältnis von Text und Bild in Handschriften und alten Drucken. Festschrift für Dieter Wuttke.
Michael Curschmann: Wort - Bild - Text. Studien zur Medialität des Literarischen in Hochmittelalter und früher Neuzeit.

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