SAECVLA SPIRIRALIA   40

Hans HONNACKER: Der literarische Dialog des primo Cinquecento: Inszenierungsstrategien und »Spielraum«. 2002. 308 Seiten.

Vielleicht in keiner anderen europäischen Epoche hat der literarische Dialog eine solche »Renaissance« erlebt wie eben gerade in der Renaissance: antike Modelle – von Platon über Xenophon, Cicero bis zu Augustinus und Boethius – wurden in der frühen Neuzeit in ihrer synchronen Verfügbarkeit refunktionalisiert. Der Dialog wurde zu dem Genus des theoretischen Diskurses: von Leon Battista Albertis Buch über die Familie, den Kurtisanengesprächen Pietro Aretinos bis zu den astronomischen Überlegungen Galileo Galileis, sie alle wurden in Dialogform niedergeschrieben. Das vorliegende Buch versucht – anhand von vier paradigmatischen Dialogen des primo Cinquecento – das nicht nur thematisch, sondern auch strukturell vielfältige Spektrum dieses literarischen Phänomens in der italienischen Renaissance näher zu beleuchten und dabei ansatzweise eine Theorie des literarischen Dialogs zu entwickeln.

»Es ist ein großes Verdienst der vorliegenden Studie, die beträchtliche Variationsbreite der Strategien und Instrumente aufgezeigt zu haben, mit denen die rinascimentalen literarischen Dialoge Argumentationsabläufe in Szene setzen, und ferner dargetan zu haben, wie eng und komplex die wechselseitige Abhängigkeit der inszenierenden Darstellungsebene einerseits und des durch die Inszenierung konstituierten propositionalen Gehalts andererseits sind. Es wird deutlich, daß das wohl größte Defizit der bisherigen Forschung zum italienischen Renaissancedialog in der Tat gerade in der weitgehenden Vernachlässigung seines inszenatorischen Moments zu sehen ist. In diesem Sinne bedeutet der Ertrag der Arbeit einen guten und wichtigen Schritt in Richtung eines umfassenderen Verständnisses der literarischen Gattung 'Dialog' und ihrer spezifischen Stellung innerhalb des komplexen Zusammenhangs von Renaissanceliteratur und rinascimentaler Episteme. Ebenso bedeutsam ist der Dienst, den Verf. der künftigen Dialogforschung durch die mühsame Erarbeitung seiner Forschungsberichte und besonders der extensiven kommentierten Bibliographien zu allen von ihm behandelten Aspekten und Werken geleistet hat; deren 90 Seiten gestatten einen raschen Überblick über die zentralen Forschungsbeiträge zum Thema und machen das Buch für die Zukunft zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel.«
Bernhard Huss in Philologie im Netz (PhiN) 24/2003, Seiten 60-65.

»Eine Schlüsselrolle spielt in diesem Buch wie überhaupt in allen Studien des Cinquecentodialogs Castigliones Cortegiano, in dem sich ber den Einsatz extratextuell realer Sprecherfiguren das »höfische Sozium« reflektiere. Bekanntlich hat Castiglione seinen Dialog ausdrücklich als Spiel inszeniert, und zwar als »il più bel gioco che far si potesse« (I/12), in welchem die Hofleute simultan ihre Verhaltensregeln verhandeln und dieselben umsetzen.«
Manfred Hinz im Romanistischen Jahrbuch Band 53 (2002), Seite 323.

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