SAECVLA SPIRIRALIA   29 / 30

Dieter WUTTKE: Dazwischen. Kulturwissenschaft auf Warburgs Spuren. 2 Bände. 1996. xxiv, 886 Seiten, 4 Farbtafeln, 180 Abbildungen.

Aby M. Warburg hat sein Konzept der Kulturwissenschaft nicht wie ein Zauberer aus dem Zylinder gezogen, um einfallslose und trendsüchtige Intellektuelle zu amüsieren. Er hat es in Jahrzehnten entwickelt und zu dem einzigen gemacht, das auch heute allen anderen Konzepten wie etwa dem des New Historicism oder dem der New Philology überlegen ist. Bei ihm sind der Blick auf das methodisch erschlossene Detail als Grundlage mit dem Blick auf das Ganze und mit dem als moralische Maxime geforderten Willen zur Grenzüberschreitung unlösbar verbunden. Seine Kulturwissenschaft kann jederzeit Zentrum sich als ,streng' verstehender historischer Wissenschaften werden.
Gegliedert in die Teile »Fälle« und »... auf deren Schultern wir stehen« versammelt das vorliegende, reich bebilderte und durch ein umfangreiches Register erschlossene Werk dreißig Beiträge aus dem dezidiert interdisziplinär orientierten Oeuvre von Dieter Wuttke. Die Beiträge sind zwischen 1965 und 1994 entstanden. Kaum zwei erschienen am selben Ort oder im selben Fachorgan. Acht wurden bisher noch nicht oder an ganz entlegener Stelle publiziert. Alle sind redaktionell überarbeitet und, wenn notwendig, durch Nachträge ergänzt. Erst die vorliegende Sammlung läßt deutlich werden, in welchem Maße Wuttke in Methode und Wissenschaftsethos Warburg nahe steht sowie dessen Anliegen sich eigenständig anverwandelt und in fruchtbare Forschungsenergie umgesetzt hat. Themenschwerpunkte sind Kunstgeschichte und Philologie, Text und Bild, Renaissance und Humanismus, Rezeption der Antike, Astrologie und politische Prophetie, Entdeckungsgeschichte, Geschichte der naturwissenschaftlichen Empirie, Epochenproblematik, Geschichtstrieb der Literatur und des Menschen, Lehre und Literatur, literarische Wertung, Literaturkritik, Ikonologie, soziale Ikonologie als Form der Mentalitätsgeschichte am Beispiel Nürnbergs, Toposforschung (E. R. Curtius), Neulatein als Aufgabe, Geschichte der Warburg Bibliothek und der ‘Warburg-Schule’ (Aby M. Warburg, Erwin Panofsky, Gertrud Bing, Fritz Saxl, Edgar Wind, William S. Heckscher, Ernst H. Gombrich). Bisher unbekannte Texte und Porträts einiger der genannten Gelehrten sind in verschiedene Beiträge integriert oder als Anhang beigegeben. Aus Anlaß von Austellungseröffnungen verfaßte Texte des Autors gelten so weit auseinander liegenden Themen wie der Chaostheorie, der Bruchästhetik und den Schwierigkeiten heutiger Hang-Sachs-Rezeption.
Wenn man das wichtigste Anliegen der thematischen Vielfalt des Werkes von Wuttke auf einen Nenner bringen wollte, müßte man sagen: es möchte einem integrativen Wissenschafts- und Kunstverständnis die Wege ebnen, in dem nicht nur die Trennung der ‘zwei Kulturen’ – hier Natur-, dort Geisteswissenschaften – überwunden wird, sondern auch die Grenzen zwischen den Wissenschaften und den Künsten aufgehoben werden, um der Erkenntnis des Menschen, der vornehmsten Aufgabe aller Kunst und Wissenschaft, zu dienen.

»Seit Jahrzehnten bemüht sich Wuttke mit Scharfsinn und Gelehrigkeit – und übrigens auch mit Erfolg – um den Nachweis, daß Warburg sehr wohl eine Methode hatte und daß sich diese mit großem Gewinn für eine zur Kulturwissenschaft erweiterten Germanistik nutzen läßt. Die Früchte dieses lebenslangen Strebens, gedankenreiche Aufsätze aus mehr als drei Jahrzehnten, teils zur Bild- und Textüberlieferung der deutschen Renaissance, teils zu den geistigen Riesen, auf deren Schultern Wuttke sich sieht (neben Warburg und vor allem Panofsky und Ernst Robert Curtius), versammeln die beiden Bände unter dem zunächst rätselhaft wirkenden Titel Dazwischen.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung N° 103 vom 5. Mai 1998.

»Daß der Begriff ‘Kultur’ nicht nur die Bezeichnung für einen Gegenstandsbereich von Kulturwissenschaft darstellt, sondern zugleich auch einen Reflexionsbegriff der Wissenschaft selbst, kann man bereits von Max Weber oder eben auch von Aby Warburg lernen, und auch Dieter Wuttke hat es mit seinem Werk demonstriert. Es zeigt aber auch, was eine solche Reflexion für die konkrete Einzelforschung bedeutet und welche Dimensionen der Erkenntnis für Geschichte und Gegenwart sich dabei ergeben. Deshalb wünscht man diesem Autor und seinem Werk viele Lese: in allen Kulturwissenschaften, und nicht nur heute, sondern auch künftig.«
Otto Gerhard Oexle in Zeitschrift für historische Forschung. 26. Band, 1999, Heft 4., Seiten 599-601.

»Wuttkes Schriften zur Humanismusforschung stellen eine Fülle von Anregungen bereit, die die Forschung aufgreifen muß, die aber auch dem Lateinlehrer neue Horizonte zu erschließen vermag, die er dann mit geringem Aufwand auch seinen Schülern eröffnen kann.«
Gymnasium 106, 1999, Seiten 163-166.

Titel von Dieter Wuttke:
Aby M. Warburg Bibliographie 1866-1995, Werk und Wirkung.
mit Björn Biester: Aby M. Warburg Bibliographie 1996 bis 2005.
Aby M. Warburg. Ausgewählte Schriften und Würdigungen.
Kosmopolis der Wissenschaft. E. R. Curtius und das Warburg Institute
Fokus Panofsky. Beiträge zu Leben und Werk von Erwin Panofsky
Sebastian Branmt: Das Narrenschiff.
From Wolfram and Petrarch to Goethe and Grass. Studies in Literature in Honour of Leonard Forster.
sowie
Poesis und Pictura. Studien zum Verhältnis von Text und Bild in Handschriften und alten Drucken. Festschrift für Dieter Wuttke
Artium Conjunctio. Kulturwissenschaft und Frühneuzeit-Forschung. Aufsätze für Dieter Wuttke.

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