SAECVLA SPIRIRALIA   28

Ulrich REHM: Bebilderte Vaterunser-Erklärungen des Mittelalters. 1994. (12), 240 Seiten, 57 Abbildungen.

Zu allen Zeiten wurde das Vaterunser als das von Christus selbst gelehrte Gebet erklärt. Das vorgelegte Bildmaterial zeigt, daß man sich zur Vermittlung von Vaterunser-Erklärungen bereits lange vor der Reformationszeit auch der Bildenden Kunst bediente. Es bestanden komplexe, zum Teil Jahrhunderte übergreifende Bildtraditionen. Die früheste und am häufigsten verwendete Art der Darstellung ist die der sogenannten Figurae: abstrakte oder Gegenstände abstrahierende Formen, die zahlenmystische Auslegungen des Herrengebets vorstellen nicht selten von hohem künstlerischen Anspruch und ikonographischem Interesse. Auch die im Spätmittelalter neu aufgekommenen Bildmedien Einblattdruck und Blockbuch wurden vielfach für Vaterunser-Erklärungen eingesetzt, wobei es zu ganz neuen, meist allegorischen Bildformulierungen kam. Jeder Bildtyp wird auf seine theologischen Voraussetzungen, auf seinen Zusammenhang mit der Bildtradition, auf seine individuelle Aussagen und auf seine Verwendung in Predigt, Unterricht und Studium hin untersucht. Die mittelalterlichen Erläuterungstexte zu den Bildern werden mitgeteilt. Der Anhang informiert über die wichtigsten mittelalterlichen Quellen und die neuere Forschungsliteratur. Register.

»Bevor Vf. sich katechetischen Bildformulierungen zuwendet, wie sie in den »Blockbüchern« des 15. Jahrhunderts, in Einzelblättern, Tafeln und Glasfenstern dargeboten wurden (vlg. 18-224.230), befaßt er sich mit der sog. Septemartradition des Vaterunsers, wie sie durch Augustinus in die lat. Vaterunser-Kommentierung eingeführt wurde (vlg. 7-180.228-230; vgl. auch 235f) und die im Dienste des Lernens und Behaltens von Anfang an zu deren graphischer Darstellung, aufgrund der assoziativen Relecture von Inhalten und Elementen, geführt hat (vgl. ALw 35/36, 173). - Wie im Mittelalter nicht anders zu erwarten, reicht die kachetische Dimension des Bildhaften und Darstellenden tief in die (heute so genannte) liturgische Bildung hinein. [...] Bemerkenswert bei der abschließenden Sekundärliteratur (250-270) ist die Tatsache, daß nicht nur Klassiker wie J. Geffcken und F. H. Chase festgehalten werden: Sogar die heute kaum bekannte und kaum noch genutzte immense Textsammlung von J. C. Vives, Expositio videlicet in Orationem dominicam juxta traditionem patristicam et theologicam. 1903, wird erwähnt. Der weiteren Forschung dienen in einem Anhang zahlreiche, bisher ungedruckte oder kaum nachgedruckte Begleittexte, Zufügungen, Einblattdrucke und selbst eine moderne Wiedergabe der Inschriften aus Rahmen und Kreisfeldern der »Dominicae orationis et quatuor temporum declaratio«. Ein knappes, gegliedertes, aber ausreichendes Register (331-339) rundet die auch für die Liturgiegeschichte in jeder Hinsicht beachtenswerte Studie ab.«
Anon. in Archiv für Liturgiewissenschaft. Jahrgang 45. 2003. Hefte 2 und 3, Seite 385f.

»Rehm does not merely analyse the diagrams and the images; he produces comprehensive transcriptions of the Latin, Flemish and German commentaries in a long appendix of fifteen texts. By illuminating the interrelationship between text and image the author has uncovered a rich tradition of visual interpretation of the Lord's prayer, introducing a whole body of material which, perhaps because of its complexity, had never been explored. This has produced an exemplary study of great interest to many, including students of late medieval printmaking.«
Jean Michel Massing in Print Quarterly, XII, 1995, I. pp 62-64.

Siehe auch:
Martin HOBERG: Die Gesangbuchillustration des 16. Jahrhunderts. Ein Beitrag zum Problem Reformation und Kunst.
Maria Gräfin LANCKORONSKA: Die christlich-humanistische Symbolsprache und deren Bedeutung in zwei Gebetbüchern des frühen 16. Jahrhunderts. Gebetbuch Kaiser Maximilians und Breviarium Grimani.
Frank MULLER: Images polémiques, images dissidentes. Art et Réforme à Strasbourg (1520 - vers 1550).
Jan HARASIMOWICZ: Kunst als Glaubensbekenntnis. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte der Reformationszeit.

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